Editorial
„Du hast da einen Wirbel“, sagte meine Tante, als sie versuchte, mich zu frisieren. Ich muss sieben oder acht Jahre alt gewesen sein, als dieser Satz fiel. Er ließ mich aufhorchen. Was sollte das sein, ein Wirbel auf meinem Kopf? Wo saß er, was war er? Meinte die Tante ihre Bemerkung als Beschreibung, als Lob oder gar als Kritik? Ich verstand bald, dass der Wirbel etwas war, das sich ihrem Willen zu meiner Frisur entgegensetzte. Das verwirrte mich. Meine Mutter hatte beim Kämmen mein Haar nie in verschiedene Partien oder gar Kommentarwürdiges und -unwürdiges eingeteilt; es gab kein reguläres Haar im Gegensatz zu einer partiellen Anomalie. Demzufolge kannte ich meinen Wirbel bis dahin nicht, und die Nennung einer Anomalie auf meinem Kopf hinterließ Selbstzweifel. Als ich später meiner Mutter berichtete, „Tante M. sagt, ich habe da einen Wirbel“, meinte sie: „Ich weiß. Ich habe diesen Wirbel auch, und so etwas hat fast jeder.“ Das beruhigte mich schließlich wieder. Doch der Satz meiner Tante zeigte Wirkung: Er hinterließ eine deutliche Verunsicherung bei mir.
Diese Episode fiel mir bei der Lektüre der Beiträge dieses Hefts wieder ein; Jahrzehnte hatte ich nicht mehr daran gedacht. Alexander Kluge sagt in seinem kurzen Essay My Century, my Beast, dass der Haarwirbel ebenso viel mit Freiheit wie mit Physik zu tun habe. Dass Wirbel der Glätte und Linearität Widerstand bieten und dass man diesem Widerstand durchaus zwiespältig gegenüberstehen kann, das empfand ich damals intuitiv. Kluges weiterführende Gedanken zum engen Bezug des Wirbels zu Freiheit und Widerständigkeit gegen historische, ästhetische, politische Regeln und Erfahrungsmuster machen deutlich, wie groß das Potential dieser unkontrollierbaren Bewegung ist, und wie sehr die Freiheit darauf angewiesen ist, kulturell und politisch erst einmal errungen zu werden. In diesen Zeiten, da politische und gesellschaftliche Ordnungen Aggressionen ausgesetzt sind, wie es sie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gegeben hat und da Europa diesen Fliehkräften zu unterliegen droht, ist das Überdenken der Wirbel notwendig und brisant.
Das Werden, das Bedrohliche und die Freiheitsversprechen der Wirbel bilden den Rahmen der Wirbel-Begriffe und -Metaphern dieses Heftes. Von der Physik bis zur Philosophie, vom Schleudertrauma bis zur Literatur erstreckt sich das Beobachtungsfeld: Wirbel-Verwandte wie Interferenz, Störung, wie Vortex und Malstrom, Schwindel erregende lustvolle Bewegungen – etwa auf einem Karussell – und ersehnte Veränderungen: Sie alle haben Teil am großen semantischen Wirbel-Feld. Die Spannweite dieses Feldes bezieht sich zugleich auf das Verhältnis von Metapher und Begriff, das sich wie ein Faden durch die unterschiedlichen Beiträge dieses Heftes zieht.
Und wo es das Äußerste gilt, das Äußerste an Verzweiflung oder das Äußerste an Glück, ist die Metapher die einzige Rettung vor dem tragischen Verstummen.[1]
Das Zitat umreißt die Problemlage der meisten Beiträge dieses Heftes, obwohl es aus einem ganz anderen Zusammenhang stammt. Der hier die Einsicht in die Tugend und Leistungsfähigkeit der Metaphern formuliert und stets leidenschaftlich vorgetragen hat, ist Peter von Matt, in seinem Buch Übeltäter, trockne Schleicher, Lichtgestalten. Die Möglichkeiten der Literatur.
Des großen Lesers und Autors, der im April dieses Jahres verstorben ist und dessen Kunst der lustvollen Kommentierung der Literatur wir sehr vermissen, möchten wir an dieser Stelle gedenken.
Für die reibungslose Zusammenarbeit mit dem Gasteditor Peter Neumann, dessen großartiger Vortrag über Wirbel am Silser Nietzsche-Kolloquium 2023 den Anstoß zu diesem Heft gegeben hat, danken wir herzlich. Ebenso der aus der Redaktion ausscheidenden Mitarbeiterin Ana Preuß (Hamburg). Und wir begrüßen herzlich im Team Teresa Cender (Aachen).
Zürich, im September 2025 Barbara Naumann
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Fussnoten
1) Peter von Matt (2023): Übeltäter, trockne Schleicher, Lichtgestalten. Die Möglichkeiten der Literatur. München: Hanser, 11.
