Editorial

Barbara Naumann

„Ich mach mir die Welt, widde widde wie sie mir gefällt!…“[1] Diese Zeile, eine textlich leicht veränderte Wiedergabe des bekannten Pippi Langstrumpf-Kinderliedes, trällerte das damalige Mitglied des SPD-Fraktionsvorstands, Andrea Nahles, im September 2013 am Rednerpult des Deutschen Bundestages während einer hitzigen Debatte in der Wahlkampfzeit. Die Performance, vorgetragen mit falscher Intonation und krächzender Stimme, erregte viel Aufmerksamkeit. Doch soll diese vollkommene stilistische Selbstvergessenheit – oder Situationsvergessenheit? – der Spitzenpolitikerin, auf die damals in vielen Medien mit dem Wort „Fremdschämen“ reagiert wurde, hier nicht Gegenstand der Betrachtung sein. Denn das unfreiwillig Komische, ja Peinliche dieses Gesangs bestand gerade darin, dass Nahles die naive Version einer Realismus-Auffassung zum Besten gab – ihn als Vorwurf gegen die Regierungspartei richtete, aber damit unmittelbar auch ihr eigenes Verhalten beschrieb. Was sie in diesem Moment offenbarte, war eine Sicht des Bundestagstags, „widde widde wie“ sie ihr gefiel. Trällernd schrumpfte die studierte Germanistin Nahles die Opposition und sich selbst dazu auf Pippi Langstrumpf-Niveau und verband dies mit dem Anspruch, im Unterschied zur Gegenpartei eine realistische Sicht der politischen Dinge zu haben.

Was die peinliche Parlamentsszene eigentlich aktualisiert, ist eine Frage, die in den meisten ernsthaften Realismusdebatten, den alten (z.B. um das Mimesis-Konzept), den neueren (z.B. die Lukács-Rezeption) und den neuesten (Rancière, Rau und viele andere, mit denen sich dieses Heft befasst) lodert und in immer wieder anderen Konstellationen auftaucht: Beinhaltet der Begriff ,Realismus‘ einen rein konstruktiven Zugang zur Wirklichkeit, macht sich also der Mensch die Welt so, wie er sie wahrnimmt? Oder gibt es Indikatoren dafür, dass ein unentstellter Zugang zur Realität möglich ist? 

Einen anderen, dieser strengen Diametralität entgegen gesetzten Realitätsbegriff findet man in der Psychoanalyse. Sigmund Freud und später sein Schüler Sándor Ferenczi sehen im Realitätsprinzip das Ergebnis eines energetischen Abgleichs, den das Lustprinzip mit den Schwierigkeiten und Zudringlichkeiten eines lustfeindlichen Alltags eingeht. Freud zufolge ist es die Aufgabe des Selbsterhaltungstriebes, das Lustprinzip zu lenken, damit das Realitätsprinzip wirken kann. Aufschub, Verzicht, Kontrolle – diese Momente ermöglichen das Walten des Realitätsprinzips im Interesse eines Schutzes des Ich und eines möglichen späteren Lustgewinns.[2] Was ins Bewusstsein vordringen kann, muss die Kontrolle des Selbstschutzes passiert haben und mag sogar erst nur als Verneintes in Erscheinung treten:

Ein verdrängter Vorstellungs- oder Gedankeninhalt kann also zum Bewußtsein durchdringen, unter der Bedingung, daß er sich verneinen läßt. Die Verneinung ist eine Art, das Verdrängte zur Kenntnis zu nehmen, eigentlich schon eine Aufhebung der Verdrängung, aber freilich keine Annahme des Verdrängten. Man sieht, wie sich hier die intellektuelle Funktion vom affektiven Vorgang scheidet.[3]

Diese Konstruktion, deutlich unterschieden von der später von Jacques Lacan entwickelten Variante des ,Realen‘ als des Nicht-Symbolischen und Nicht-Imaginären, weist auf das Moment der Energie, auf die gedankliche wie psychische Arbeit, durch die die Annahme des Realen ermöglicht wird. 

Wir danken den Gasteditorinnen Frauke Berndt und Cornelia Pierstorff sowie ihrem Team herzlich für die Gestaltung des Bandes und die inspirierte Zusammenarbeit.

Von dieser Erkenntnisproblematik wird der Realismusbegriff in der Regel abgelöst. Pointiert formuliert: Diejenigen, die den Begriff positiv verwenden, haben oft wenig Interesse an der zugrunde liegenden Erkenntnisproblematik. Schnell wird der Begriff, sobald er positiv gesetzt ist, von politischen Orientierungen überschrieben. Die Realismus-Debatten der 1950er und 1960er Jahre, ausgelöst durch Georg Lukàcs politisch-geschichtsphilosophisch informierte Thesen zum literarischen Realismusbegriff, sind dafür ein beunruhigendes Lehrstück. Auch heute lässt sich an fast jeder politischen Debatte beobachten, dass der Anspruch, eine realistische Sicht der Dinge zu präsentieren, fast immer ausschließlich die verabsolutierte eigene Perspektive meint. 

So ist es wenig erstaunlich, dass die Beiträge des vorliegenden Heftes nicht einstimmen in das Lied einer Welt, die man sich so macht, wie sie einem gefällt. Das Heft ist der gegenwärtigen Realismus-Diskussion gewidmet, und dies vornehmlich aus germanistischer Sicht. Die Auseinandersetzung mit Realismuskonzepten nimmt zur Zeit – und mit einem Blick auf die Fachgeschichte muss man sagen: wieder einmal – breiten Raum ein und führt unter anderem zu Relektüren so beliebter Autoren wie Theodor Fontane und Gottfried Keller, aber auch von Autoren, die jahrelang im Abseits germanistischer Leidenschaften standen, wie zum Beispiel Wilhelm Raabe und Theodor Storm. Es lassen sich Entdeckungen und Wiederentdeckungen machen, und es lässt sich die Elastizität eines Begriffs verfolgen, der seine schillerndsten Facetten aus den fiktionalen Welten der Literatur, des Films, aus den digitalen Medien und nicht zuletzt den Games bezieht. Dass die Impulse zu einer neuerlichen Befassung mit dem Realismus nicht aus dem literarischen Realismus selbst stammen, sondern aus den aufregenden Möglichkeiten, neue digitale ,reale‘ Welten zu konstruieren, und dass sich gleichwohl grundsätzliche Einsichten in die Dynamik von Erfahrung und Konstruktion der Wirklichkeit, von Realitätsabgleich und Realismus-Versagen gerade in der literarischen Auseinandersetzung gewinnen lassen, ist einer der grundlegenden Gedanken des Hefts.

Im Zuge unserer Green-Open-Access-Strategie sind zudem ab sofort sämtliche figurationen-Hefte online frei zugänglich, die neusten Hefte jeweils nach Ablauf eines Jahres seit ihrem Erscheinen. In der eLibrary der Vandenhoeck & Ruprecht Gruppe, zu der auch unser langjähriger Verlag Böhlau gehört, lässt sich jetzt also in allen alten Heften stöbern: https://www.vr-elibrary.de/loi/figu.

Zürich, im März 2019    Barbara Naumann

 

Fussnoten

1 Andrea Nahles in der Debatte am 3. September 2013; s.z.B. auf Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=8-s6IX4SwXg (unter dem Titel Andrea Nahles (SPD) wird zu Andrea Langstrumpf, zuletzt gesehen: 21.3.2019). S. auch das entsprechende Bundestags-Plenarprotokoll vom 3.9.2013: https://www.bundestag.de/protokolle (zuletzt gesehen: 21.3. 2019).

2 Vgl. Sigmund Freud (1920): „Jenseits des Lustprinzips“. In: ders.: Studienausgabe. Bd. 3: Psychologie des Unbewußten. Hg. v. Alexander Mitscherlich u. a. 9. Aufl. Frankfurt a. M.: Fischer, 2001, 213-272.

3 Sigmund Freud (1925): „Die Verneinung“. In: ders.: Studienausgabe. Bd. 3: Psychologie des Unbewußten. Hg. v. Alexander Mitscherlich u. a. 9. Aufl. Frankfurt a. M.: Fischer, 2001, 371-377, hier: 373.