Editorial
Quizfrage: Was ist auf dem Cover des vorliegenden Hefts zu sehen?
a) ein Flussnetzwerk
b) ein Adergeflecht.
Den Gasteditorinnen Isabel von Holt und Catarina von Wedemeyer sei auf diesem Weg nochmals herzlich für die angenehme Zusammenarbeit gedankt, ohne Stromschnellen und andere fluviale Tücken. Stets im Fluss ist aber auch die Zusammenstellung des Redaktionsteams der figurationen. Seit diesem Heft neu dabei ist Yvonne Schneider: herzlich willkommen an Bord! Und allen Leser:innen viel Freude bei der Lektüre der hier versammelten ‚Hirnströme‘. Interessanterweise bilden diese nicht nur untereinander Korrespondenzen aus, sondern treten darüber hinaus auch immer wieder in Dialog mit dem vorherigen Heft, das sich dem ‚Wirbel‘ in all seinen Spielarten verschrieben hatte: hasard objectif, der insbesondere Donau und Elbe in ein gemeinsames Flusssystem überführt. Auf ihre Art sind eben auch die figurationen ein stream of consciousness.
Natürlich erleichtert die Titelangabe Flüsse/Rivers die Entscheidung. Aber was, wenn es diese Hilfestellung nicht gäbe? Die aktuelle kulturwissenschaftliche Flussliteratur jedenfalls macht sich gerne das Zögern zwischen beiden Optionen zu eigen, schreibt dem Kippeffekt also offensichtlich mehr Evidenz zu als der einseitigen Feststellung. Sie bleibt dabei jedoch nicht stehen: Was sich zunächst als produktive Irritation von Wahrnehmungsroutinen präsentiert, wird danach in aller Regel in ein metaphorisches und/oder ein metonymisches Verhältnis übersetzt, bevor gut (neo-)materialistisch die Wendung ins Literale erfolgt. In seinem jüngst erschienenen Buch Sind Flüsse Lebewesen? (2025) etwa schreibt der englische Naturschriftsteller Robert Macfarlane: „Fließendes Wasser strukturiert sich an Land ähnlich wie das Blut in unserem Körper.“ Mit Bezug auf aktuelle hydrologische Mess- und Bildgebungsverfahren sowie auf Skizzen, Sezierungspraktiken und Aufzeichnungen von Leonardo da Vinci verleiht Macfarlane seiner Analogisierung weiter Kontur. Ein paar Seiten später überführt er sie dann – im Dialog nun mit der zeitgenössischen Hydrofeministin Astrida Neimanis – in eine Figur der Kontiguität, die mehr als nur Berührung, sondern Inkorporation, Metabolismus und Ausscheidung meint: „Wir alle sind Körper aus Wasser, wir lassen es zirkulieren, wir geben es weiter.“ Nochmals ein paar Seiten später dann erneut ein metaphorical turn – diesmal allerdings auf einer Metaebene und aus (ethno-)linguistischer Perspektive. So erläutert der indische Naturkundler und Flussaktivist Yuvan Aves seinem Reisegefährten Macfarlane, wie die Sprache der Idu Mishmi aus dem Norden Indiens – insbesondere, wenn es um die Bezeichnung menschlicher Körperteile geht – von „Flussmetaphern“ durchwirkt ist, sodass das riesige Staudammprojekt, gegen das die Gemeinschaft sich wehrt, neben dem Fluss zugleich „auch ihre Sprache und ihre Geschichten“ bedroht: eine ganze Welt.
Die Zitate und Paraphrasen sollen nicht nur zumindest ansatzweise den speziellen Flow von Macfarlanes Prosa nachvollziehbar machen, deren eigene netzwerkartige Struktur. Sie zeigen auch exemplarisch die komplexen medialen Operationen, in die das Reden und Schreiben über Flüsse immer schon eingebunden ist. Zu diesen Operationen zählt, im Zusammenspiel mit sprachbildlichen Momenten (Metaphorisierung, Metonymisierung, Literalisierung usf.), ganz wesentlich auch die Vorentscheidung, wie der Diskursgegenstand überhaupt zu visualisieren bzw. zu framen ist: als Netzwerk, als simple Schlangenlinie von der Quelle bis zur Mündung oder als palimpsestartige Gedächtnislandschaft, die sichtbar macht, wie sich ein (nicht regulierter) Fluss im Verlauf der Zeit immer wieder aufs Neue ein mäandrierendes Bett sucht (Abb. 1 u. 2). Fragen der Figuration also, wohin man blickt. Anders gesagt: Beim vorliegenden Heft trägt nicht nur die Titelangabe Flüsse/Rivers programmatische Züge, sondern ganz dezidiert auch der Zeitschriftenname selbst.
 Zürich/Genf, im Mai 2026 Georges Felten
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 Fussnoten
1) Robert Macfarlane (2025): Sind Flüsse Lebewesen? Übers. v. Frank Sievers u. Andreas Jandl. Berlin: Ullstein, 2025, 186. (Engl. Orig.: Is A River Alive? London: Hamish Hamilton, 2025.)
2) Macfarlane (2025), 197.
3) Macfarlane (2025), 202 f.
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