Editorial

Barbara Naumann, Georges Felten

Verglichen mit dem Ende der 1950er Jahre, als Adorno über den Essay als Form nachdachte und dem Essay auch im akademischen Kontext erneut eine Lanze brechen wollte, ist die Situation heute um einiges vielfältiger. Essayschreiben ist kein Sonderfall des Denkens in schriftlicher Form, sondern ein in überstarker Fülle auftretendes Sich-Äußern in jedweder Un-Form. Dies liegt in erster Linie an Kommunikationspraktiken des Internets, nicht zuletzt an privaten Blogs, auf denen der sogenannte personal essay fröhliche Urstände feiert. Diese Form des persönlichen und planlosen Drauflos, das entgrenzte Für-wichtig-Halten noch der allerkleinsten Alltagsbegebenheiten und privaten Gefühlsregungen, ist aber nicht Gegenstand unseres Heftes. Und auch Adorno ist in Sachen Essay nicht notwendig das Maß aller Dinge. Vielmehr lohnt ein Blick weiter zurück in die Geschichte.

Wie selten bei einer Gattung lässt sich nämlich der Ursprung des modernen Essays genau benennen: Es sind die 1580 erstmals erschienenen und bis 1592 unablässig überarbeiteten und erweiterten Essais des Michel de Montaigne. Deren bis heute prägende Funktion für die Form und die Freiheit des Essayschreibens könnte man als ein Rezeptionswunder bezeichnen: Selten sprechen 500 Jahre alte Texte mit solcher Frische und aus solcher Nähe zu heutigen Leser*innen; selten treten Essays mit solcher Liberalität des Gedankens auf, vollziehen – bei aller Gelehrsamkeit vor allem in Bezug auf antike Texte – eine so nachvollziehbare Wendung zur individuellen Erfahrung. Montaignes Essais binden sich erstmals nicht an Theologie und Metaphysik, sondern weisen deren jenseitige Glücksversprechen zurück und öffnen einen Freiraum für die Dinge des Lebens, Lesens und Lernens. Seine Art, die Liberalität des Gedankens zu entfalten und sich gegen Ansprüche – sei es der Orthodoxie und Theologie, sei es der Herrschaft oder Gesellschaft – zu wehren, wird prägend werden für den Essay insgesamt. 

Dass Adorno dem Essay einen grundsätzlich ketzerischen und zugleich spielerischen Charakter zuschreibt, liegt mithin noch im Fluchtpunkt seiner Anfänge in der Renaissance. Seit Montaigne steht er für die größtmögliche Freiheit, für eine Versuchsanordnung mit offenem Ausgang, die aus einer oftmals provokanten Zwischenstellung Funken zu schlagen weiß: zwischen Wissenschaftsprosa und Dichtung, zwischen Philosophie und Journalismus, zwischen Begriff und Metapher, zwischen Wahrheit und Fiktion

Die Frische und Lebendigkeit, die wirkliche oder vermeintliche Nähe der Stimme des Autors Montaigne, ebenso wie die Positionen Nietzsches, Adornos, Lukács’ und anderer – sie prägen, mal mehr, mal weniger, den Hintergrund für die Beiträge dieses Heftes. Sie wenden sich gegenwärtigen Formen des Essay-Schreibens zu – bzw. praktizieren solche – und schlagen einen weiten Bogen bis hin zu neueren Medien, wie z.B. dem Radio- und dem Film-Essay. Angesichts dieser Formenvielfalt des Essays ebenso wie des Nachdenkens über ihn bietet sich als augenzwinkerndes Motto des Heftes eine Wendung an, die ursprünglich aus dem Rugby stammt, aus einer Sportart also, die sich ausgerechnet in dem Teil Frankreichs besonderer Beliebtheit erfreut, in dem auch Montaigne den größten Teil seines Lebens verbrachte: transformer l’essai. Passenderweise macht man den Punkt auch bei dieser ‚Transformation‘ in einem Dazwischen – wenn der Ball zwischen die beiden Pfosten (und über die Querlatte) des H-förmigen Tors befördert wird (Abb.1).

Für die figurationen selbst hat der Essay einen besonderen, fast schon programmatischen Stellenwert: So steht die Zeitschrift für einen Schreibstil, der, ohne rundweg ‚essayistisch‘ genannt werden zu können, der Ungebundenheit des Essays doch manches verdankt. Als Versuchsanordnung präsentiert sich zudem jedes einzelne Themenheft, indem die verschiedenen Schwerpunkte die im Untertitel genannten Begriffe gender – literatur – kultur immer wieder neu miteinander ins Gespräch bringen. Mit seinem Meta-Charakter bezeugt das vorliegende Heft mithin die konzeptuelle Kontinuität von figurationen zu einem Zeitpunkt, da es auf personeller Ebene zu einigen Veränderungen kommt: Mit der Emeritierung von Barbara Naumann fungieren neu Georges Felten und Sophie Witt als Mit-Herausgeber*innen, ab dem nächsten Heft dann auch Caroline Torra-Mattenklott. Noah Schmitz wechselt für seinen Teil in die Redaktion, während wir Naomi Wolter neu als redaktionelle Mitarbeiterin begrüßen. Wir freuen uns!

 

Zürich, im Juni 2020  Georges Felten und Barbara Naumann

 

Fussnoten

1 Vgl. Theodor W. Adorno (1958): Der Essay als Form. In: ders.: Noten zur Literatur I. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1976, 9-49.

2 Vgl. Michel de Montaigne (1595): Les Essais. Hg. v. Jean Balsamo, Michel Magnien u. Catherine Magnien-Simonin. Paris: Gallimard, 2007 (= Bibliothèque de la Pléiade 7).

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Abb. 1: Transformer l‘essai, de more geometrico. Zeichnung: Pascale Osterwalder.