Editorial
Die Zeiten sind nicht gerade zum Lachen. Und so irritiert vielleicht ein Heft zu Komischen Fällen. Doch häufig sind es gerade die Krisenzeiten, denen die Flüchtigkeit und Variabilität des Komischen Rechnung tragen kann. Das zeigt etwa die Ära des US-amerikanischen Stummfilms der 1910er und 20er Jahre, in der die Komik eines Charlie Chaplin, Buster Keaton oder Harold Lloyd den Gag als Mittel zu Gelächter und zu Sozialkritik erprobt. Komik sei, so zitiert die Einleitung zu diesem Heft Joseph Vogl, „abhängig von spezifischen Lagen, Situationen und Umständen“, „die sich durch ein hohes Maß an Instabilität auszeichnen.“ Die Frage der Sozialkritik zeigt sich dann mit kulturwissenschaftlichem Dreh: Funny Cases werden als Kulturtechnik präsentiert, die Differenzen markiert und den Akt des Unterscheidens zugleich als kulturelle und damit räumlich und zeitlich variable, d. h. kontingente politische Praxis reflektierbar macht. In dieser Gestalt eignet der Kulturtechnik des Komischen nachgerade eine neue Dringlichkeit – in einer Welt- und Diskurslage, die Differenzen zunehmend verhärtet und essenzialisiert, deren Fähigkeit zum Umgang mit instabilen und damit komplexen Bedeutungslagen zu schwinden scheint. Nicht zufällig sind in vielen der Funny Cases Genderrollen und -stereotype von Gewicht. Während die US-Administration per Fragebogen von inländischen und europäischen (bislang Schweizer und niederländischen) Universitäten wissen will, ob Forschungsprojekte „appropriate measures“ zum Schutz vor „gender ideology“ ergreifen, erinnert dieses Heft mit pride an den Titel der figurationen: Literatur – Kultur – Gender! Vor diesem Hintergrund danken wir Annette Keck und Roxanne Phillips für die Konzeption und allen Autor:innen für die abweichenden, misslingenden oder übertriebenen Aufführungen von kulturellen Praktiken und Rollen, die der gewaltsamen Tendenz zu Verengung und Vereindeutigung sowie der Normalisierung von Einschüchterung und Beschämung entgegenwirken.
Ein treffendes Beispiel taucht unter den komischen Fällen in diesem Heft nicht auf: Die vielfach preisgekrönte kanadische Sitcom Schitt$ Creek (2015–2020) von Dan und Eugene Levy erzählt von dem – wortwörtlichen – Fall der Familie Rose, die ihr enormes Vermögen verliert und sich fortan in einem schäbigen Motel in den bislang unausgebildeten Kulturtechniken des Familienlebens und -liebens zu erproben hat. Die Komik resultiert dabei häufig entweder aus der starken Überzeichnung oder dem radikalen Bruch mit Rollenerwartungen – etwa wenn Annie Murphy/Tochter Alexis als liebenswertes ‚Dummchen‘ brilliert oder umgekehrt Mutter Moira sich allen Erwartungen an Mutterschaft verweigert: Sie erinnert sich weder an den zweiten Namen ihrer Tochter noch an das Enchiladas-Rezept, das von der Großmutter an den Enkel übergeben werden soll. Sehen und lachen Sie selbst, „Fold in the Cheese!“Â
Während die in nahezu jeder Hinsicht inkompetente Familie liebevoll vorführt, welchen Rollenerwartungen Individuen unterworfen sind, liegt die eigentlich politische Stärke dieses komischen Falls noch auf anderer Ebene. Mit komischer Leichtigkeit imaginiert Schitt$ Creek eine post-heteronormative Welt, in der Genderpluralität und Queerfreundlichkeit noch nicht einmal mehr der narrativen Unterstreichung bedürfen. In dieser Hinsicht emanzipiert sich der Einsatz der Komik von der dekonÂstruktiven Sozialkritik und lässt uns in dunklen Zeiten dem Utopischen entgegenlächeln. Womöglich geht es manchmal nicht nur darum, warum und wann wir lachen – sondern dass wir lachen!
Hamburg, im April 2025 Sophie Witt
