Erzeuger ohne Geschlecht

Neusachlicher Literaturdiskurs als Paradigma formbildender Männlichkeit und Kunst

Ulrike Baureithel

Im November 1919, exakt ein Jahr nach Beendigung des Ersten Weltkriegs und wenige Monate nach dem endgültigen Scheitern der Revolution in Deutschland, schrieb Franz Kafka seinen berühmten Brief an den Vater. Kafka setzt sich darin auseinander mit einer Vaterautorität, die von ihm in jeder Beziehung als überlegen, als „letzte Instanz“[1] imaginiert wird. Als „Maß aller Dinge“ [2] und in die Rätselhaftigkeit eines Tyrannen [3] gekleidet, überhöht Kafka den Vater zu jener „Gnadeninstanz“, die ihm die Tore zur „Beurteilung der Welt“ entweder öffnet oder verschließt. Die Versagens- und Verlustängste des Sohnes provozieren eine Gegenwehr, die um so hoffnungslos-verzweifelter ist, als die daraus resultierenden Scham- und Schuldgefühle konkurrieren mit erotisch besetzten Überwältigungsphantasien. Die Sohnesposition wird von Kafka als eine Position des „fundamentalen Mangels“ (Gert Mattenklott) vorgestellt, weil die Rolle des Vaters als Erzeuger (des Sohnes) unhintergehbar ist. „Erlösung“ vom Vater und seiner erdrückenden Dominanz versprechen Frauen – als ausgleichende Mutterinstanz [4] oder als potentielle Ehefrauen, die den Sohn als Produzenten emanzipieren und damit dem Vater ebenbürtig machen, ihn gleichzeitig jedoch von der symbolischen Produktion, also vom Schreiben, abhalten [5]; „Erlösung“ verspricht auch das Schreiben selbst, um den Preis eines „erzwungenen Abschieds“ vom Vater und mit dem Gewinn, daß der Sohn die Richtung dieses Abschieds bestimmt. [6] In der vorweggenommenen Entgegnung des Vaters am Ende des Briefs antizipiert Kafka das Bild eines ungleichen Kampfes zwischen einem „selbständigen Gegner“ und einem „Ungeziefer“. [7] Das im Vater inkarnierte bürgerlich-satisfaktionsfähige „Duellsubjekt“ des 19. Jahrhunderts, wie es Norbert Elias in seinen Studien über die Deutschen vorstellt [8], bleibt für den Sohn unerreichbar:

du stießest mich, so als wäre ich dazu bestimmt, mit ein paar offenen Worten in diesen Schmutz hinunter. Bestand die Welt also nur aus mir und Dir, [...] dann endete also mit Dir diese Reinheit der Welt, und mit mir begann kraft Deines Rates der Schmutz. [9]

Bekanntlich wird dieser Brief seinen Adressaten nie erreichen, und doch stellt er – soweit es sich um die Erfassung männlicher „Übergangsidentitäten“ handelt – ein kulturhistorisches Dokument ersten Ranges dar. Es vereinigt fast alle Momente, die den Konflikt zwischen Vätern und Söhnen seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert bestimmen: Den generellen Verlust väterlicher Autorität, die Emanzipation des Leibes in der Jugendbewegung, die Perforation der gesellschaftlichen Sphären, insbesondere der zwischen den Geschlechtern, den Zerfall der satisfaktionsfähigen Gesellschaft der Bürger und nicht zuletzt die Krise des ökonomischen Subjekts. Löst man die obenzitierte Passage aus ihrem erotischen Kontext und abstrahiert von der biographischen Situation Kafkas, liefert sie eine Kategorie, die im Männlichkeitsdiskurs des folgenden Jahrzehnts eine exklusive Rolle spielen wird, die „Reinheit“, die sich vom „Schmutz der Epoche“ abhebt.

Kafka entkommt der übermächtigen Vaterimago durch die Flucht in die Dichtung, wo sie, wie wir wissen, in Form des anonymen „Gesetzes“ wieder in Erscheinung tritt und damit den Übergang von personalen zu versachlichten Herrschaftsstrukturen markiert. Was Erich Fromm Anfang der vierziger Jahre im Rückblick sozialpsychologisch deutet, daß nämlich nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland die Autorität des Vaters und die alte bürgerliche Moral schwer erschüttert worden seien und der Zerfall der alten gesellschaftlichen Autoritätssymbole auch die Rolle der Eltern beeinflußt habe [10], verallgemeinert Carl Schmitt für die Politische Theorie: „Die Menschheit hat keinen Vater mehr als Quelle der Autorität; an seine Stelle ist (patriarchalisch) das Gesetz getreten.“ [11] Die Abdankung der Vaterfigur als Repräsentationsinstanz fand im verlorenen Krieg ihren sinnfälligen Ausdruck, und das heraufkommende „Zeitalter der Söhne“ war eifrig bestrebt, sich von einem derart kompromittierten „männlichen Prinzip“ abzusetzen. „So unzugänglich jeder Autorität“, schreibt Heinrich Mann 1922 über Die tragische Jugend der Nachkriegszeit, „war keine Jugend. Respektlosigkeit ist ihre Natur.“ [12] Allerdings deutet einiges darauf hin, daß der grundlegende Einschnitt für die Neuformulierung eines Männlichkeitsentwurfs in den Jahren nach der Inflation liegt. Erst die irreversible Liquidation des ökonomischen Subjekts, die Adorno nicht als die Tragik der Jugend, sondern als die der Mittelschichten beschreibt, konfligiert mit der „zweifelhaften Würde des Vaters“ [13].

Was an die Stelle des abgedankten Vaters treten könnte, blieb zunächst zweifelhaft: Der „Vacuumcleaner Revolution“ hatte es jedenfalls nicht geschafft, den „muffigen Müll aus der schmutzverstopfte[n] Epoche zu saugen“ [14], wie die Zeitschrift Der Gegner 1919 noch hoffnungsvoll verhieß; und das „Söhnebündnis“, das Paul Federn stellvertretend für viele für die Nachkriegszeit proklamierte [15], zerschellte an der Zwietracht der Söhne selbst. So ist es kein Zufall, daß die männliche Selbstverständigung zunächst um das Motiv der Angst kreist. In seiner Abhandlung Gestalten der Angst charakterisiert beispielsweise Wilhelm Michel die Nachkriegsphobien als spezifisch männliche Krankheit [16], und auch der Technikphilosoph Eugen Diesel konturiert die Angstphysiognomie des Jahrzehnts: „Von der Wiege bis zum Grabe durchlaufen wir [und damit sind explizit und ausschließlich Männer gemeint, UB] eine Reihe von Angstzuständen.“ [17] Daß es sich dabei um spezifische Modernisierungsängste handelt, die gegen Mitte des Jahrzehnts einem hybriden Einverständnis mit dem Modernisierungsschmerz weichen, hat Helmut Lethen in verschiedenen Untersuchungen gezeigt. [18] Neben diesem „heroischen“ Entlastungsangebot zeichnen sich weitere Lösungsmuster ab, beispielsweise die aggressive Männerbündelei und ihr Furor des neuen Führertums [19] oder auch die masochistisch unterlegte Flucht in die Schöße der Mütter, wie sie insbesondere in der belletristischen Literatur der Weltwirtschaftskrise – erinnert sei nur an Fallada oder Kästner – ihren Niederschlag finden. Dabei handelt es sich bei allen vorgestellten Varianten um idealtypische Konstruktionen, die sich sowohl in der öffentlichen Rede als auch im Alltagshandeln überlagern und vermischen.

Anliegen der folgenden Ausführungen ist es zunächst, die Rede über „männliche Impotenz“ – wobei mit dem Begriff die männlichen Ohnmachtsphantasmen in allen gesellschaftlichen Bereichen umspannt werden sollen – skizzenhaft nachzuzeichnen. Ich konzentriere mich dabei auf die Publizistik der Kultursphäre, was den Geltungsbereich der Aussage nicht nur einschränkt, sondern auch darauf verweist, daß es sich um einen Intellektuellendiskurs handelt, der lediglich Rückschlüsse auf die mentalen Lagen seiner (wohlgemerkt: männlichen) Träger, nicht aber des Weimarer Publikums insgesamt zuläßt.

In einem zweiten Schritt soll die etwa Mitte der zwanziger Jahre einsetzende Rede über eine „neue Männlichkeit“ vorgeführt werden, die unter dem Markenzeichen „Neue Sachlichkeit“ in der Kultursphäre firmiert. Es wird zu zeigen sein, wie der semantische Zusammenschluß der Begriffe Sachlichkeit und Männlichkeit sich prononciert von der autoritätsfixierten wilhelminischen Männlichkeit absetzt und entlastet und durch die Füllung mit neuen, „sachlichen“ Werten identitätsstiftend wirkt. Die neusachliche Intelligenz gruppiert sich bezeichnenderweise weniger um „Interessen“ oder „Klassen“, das heißt um ein politisch-weltanschauliches Zentrum, als vielmehr um die „Generation“ als entwicklungslogisches, kulturdeterminierendes Modell. [20]

Dabei wird noch eine weitere Dimension des neusachlichen Männlichkeitsentwurfs offenbar: Abgesehen von seiner sozialpsycho-logischen kompensatorischen Funktion steht mit dem „männlich“ apostrophierten Sachlichkeitsparadigma nämlich auch ein neuer Regelungsdiskurs zur Verfügung, ein Ordnungsmuster also, das die soziale Wirklichkeit im Sinne einer binären stationären Logik organisiert, und zwar – und das ist neu – unabhängig von seinen jeweiligen männlichen Trägern. Es wäre also einerseits zu fragen nach den immanenten Selektionsmechanismen, die der Rede über Sachlichkeit innewohnen, und des weiteren nach ihren asymmetrischen und hierarchisierenden Momenten.

Nachkriegskränkungen: Bettler um Leben

In seinem für die männliche Studentengeneration der sechziger Jahre wegweisenden Buch Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft wirft Alexander Mitscherlich die Frage auf, was passiert, wenn die Autoritäten der mythischen Tradition ihre Integrationskraft verlieren und die (männlichen) Mitglieder einer Gesellschaft, wenn man so will, der psychisch-sozialen Obdachlosigkeit ausliefern. [21] Mitscherlich setzt auf die Stärkung der Ich-Leistung des Kollektivs und verweist in diesem Zusammenhang selbst auf den mythischen Vatermord, der jeder Revolution inhärent ist. [22] Folgt man den zeitgenössischen Dokumenten, dann hatten der für Deutschland verlorene Krieg und die gescheiterte Revolution traumatische Schädigungen der männlichen Identität hinterlassen, die mindestens zwei Generationen erfaßen. Daß sich diese Erfahrung unabhängig von Alter, sozialer Herkunft und politischer Provenienz in das kollektive Männergedächtnis eingeschrieben hat, läßt sich am deutlichsten in den Projektionen und Angstphantasien über die „neue Frau“ ablesen, wie sie etwa im Band Die Frau von morgen wie wir sie wünschen [23] versammelt sind.

„Der Krieg“, so konstatiert dort etwa der ehemalige Dadaist und Weltreisende Richard Huelsenbeck, Jahrgang 1892 und Kriegsteilnehmer, habe „die patriarchalische Ordnung ins Wanken“ gebracht und den Kursverfall der männlichen Valuta beschleunigt. [24] Der damals schon fast fünfzigjährige Robert Musil macht ebenfalls den Krieg dafür verantwortlich, daß „den Massen der Frauen die Scheu vor den Mannesidealen“ abhanden gekommen sei [25], und Hanns Henny Jahnn, der zwischen 1915 und 1918 als Kriegsgegner in Norwegen lebte, findet kurz und bündig, daß „die Männer [...] in den Dingen der Menschlichkeit offenbar vollkommen Schiffbruch erlitten [haben]“. [26]

Doch auch die jüngere Nachkriegsgeneration, die selbst nicht mehr am Krieg teilgenommen hat, meldet sich publizistisch zu Wort. Ernst Glaeser beispielsweise, der in seinem berühmten Roman Jahrgang 1902 den Krieg und seine negativen Folgen pauschal zur Chefsache der Eltern erklärt, oder Klaus Mann, Jahrgang 1908, der mit seinem 1927 entstandenen Essay Heute und Morgen der neuen Jugend die beinahe unverzeihliche geistige Niederlage der väterlichen Generation als warnendes Beispiel empfiehlt. [27] Daß für die junge Generation der „Trümmerhaufen der Alten nicht zu beerben sei“ [28], konnte das Weimarer Publikum auch aus Stefan Grossmanns bekannter Zeitschrift Das Tage-Buch entnehmen, und selbst Frank Thiess, sonst wenig angekränkelt von virilem Zweifel, gesteht zu, daß der Krieg in die Betonmauer des männlichen „Tatsachenstolzes [...] eine ungeheure Bresche geschlagen [hat]“. [29] Ernst Jünger bleibt es schließlich vorbehalten, die Essenz der männlichen Impotenzphantasien in aphoristische Kürze zu kleiden: „Man fällt nicht mehr, man fällt aus.“ [30]

Der Nachkriegsmann – dieses ebenfalls von Axel Eggebrecht sarkastisch porträtierte „schläfrige Tierchen“ [31] – machte, soweit er sich publizistisch präsentiert, jedenfalls eine eher unglückliche denn heroische Figur. „Was ist“, fragt sich der Publizist Heinrich E. Jakob, „eigentlich schon der Mann mit seinem lächerlichen Spezialistenstolz?“ [32] Vereinzelt münden die männlichen Unterlegenheitsgefühle in der leise geäußerten Skepsis gegenüber der eigenen männlichen Kultur, die „nicht lebenswert“, sondern lebensgefährlich, ja „lebensfeindlich“ sei. [33] Von Interesse ist jedoch, daß diese auffällig übereinstimmende Selbstwahrnehmung erst seit etwa Mitte der zwanziger Jahre Konjunktur hat und gegen Ende des Jahrzehnts ihren Höhepunkt erreicht; also just in dem Augenblick, als der Literaturmarkt überschwemmt wird von der männlichen „Selbstverständigungsliteratur“ in Form von mehr oder weniger heroischen Kriegserinnerungen. Schon Peter Sloterdijk hat in seiner Kritik der zynischen Vernunft darauf hingewiesen, daß die seit Mitte des Jahrzehnts einsetzende Kriegsnostalgie unter anderem im Dienst der „Restauration der Männlichkeit“ stand. [34] Zu fragen wäre also, ob dem Text, der von der allseits beklagten Abdankung der Männlichkeit handelt, ein Subtext unterlegt ist, der die Semantik der Ohnmacht konterkariert.

Zunächst soll jedoch festgehalten werden, daß es sich beim vorgestellten Diskurs weniger um ein Abbild realer mentaler Lagen der unmittelbaren Nachkriegszeit handelt als um ein Projektionsfeld, auf dem sich die Depossedierung der Weimarer Intelligenz, die sogenannte „Generalpleite der männlichen Verdienstkraft“ [35], wie es 1924 wiederum im Tage-Buch so hübsch heißt, ein Ventil sucht. Die männliche Kränkung besteht nicht, wie die Kulturkritik immer wieder suggeriert, in erster Linie darin, daß der Mann zum „Arbeitstier“ und zur „Konsummaschine“ [36] degradiert wird, wie sich der Kulturphilosoph Vierkandt 1930 im Handwörterbuch der Soziologie empört, sondern daß die Zeitläufte, insbesondere die Auswirkungen der Inflation und der Weltwirtschaftskrise, ihm diese Rollen vorenthalten. „Wo ist der Platz für uns Kriegskrüppel, die wir unsere zertrümmerten Träume und unsere zerborstenen Hoffnungen als einziges Echo aus der Welt der Wirklichkeit heimtrugen“, beklagt Walter Meckauer (Jg. 1889) 1927 in den Horen das Schicksal der im Literaturgeschäft zu kurz Gekommenen und fordert: „auch wir haben ein Recht, gehört zu werden.“ [37]

Das vorauseilende, mitunter fast masochistisch wirkende Einverständnis mit dem imaginierten Potenzverlust weckt allerdings auch weibliches Mißtrauen, und so sind es immer wieder Frauen, die auf den Preis des männlichen Geständniszwangs insistieren. Unter vielen anderen begleitet Margarete Susmann die Rede der „Bankrotteure“ [38] mit mildem Spott: Nachdem der Mann der Frau nichts mehr zu bieten habe, so faßt sie die Situation Anfang 1933 in ihrem Essay Wandlung der Frau zusammen, fliehe er nun, als „Bettler um Leben“ und auf der „Suche nach tragendem Grund“, in die Schöße der Mütter und Schwestern. [39]

Ein aufschlußreiches Portrait dieses Typus der jungen Kriegsheimkehrergeneration – das heißt also der zwischen 1890 und 1899 Geborenen [40] – stellt Joseph Roth in seinem romanhaften „Bericht“ Die Flucht ohne Ende vor. In der Geschichte des Oberleutnants Franz Tunda, den die fiktive Sehnsucht nach seiner Braut Irene von Rußland ins Nachkriegsdeutschland zurückführt, scheint jene typische männliche Nachkriegsdisposition auf, die der selbsternannte Generationsbiograph E. Günther Gründel in seiner 1932 erschienenen Sendung der jungen Generation wie folgt überhöht:

Eine tragische Gruppe. So manch einer taumelte zehn Jahre lang von der direkten Aktion in die Weiber, von den Weibern in die Gedanken, von den Gedanken in den Alkohol und vom Alkohol in die endlose Kette zerarbeiteter Nächte. [41]

Auch Tunda nimmt „als Gast“ [42] an der russischen Revolution teil, hetzt durch die Hochstaplermetropole Berlin und verbringt seine „zerarbeiteten Nächte“ in den Betten ihm gleichgültiger Frauen. In einem „Zustand zwischen Resignation und Erwartung“ [43] wird der Zufall zum handlungsleitenden Prinzip in Tundas Leben. Auch ihn hat die „Generalpleite der männlichen Verdienstkraft“ erfaßt: „Arm sein war in ihren [Frau G.’s.] Augen das Unmännlichste – und nicht nur in ihren Augen. In dieser Welt war Armut Unmännlichkeit, Schwäche, Torheit, Feigheit und ein Laster“. [44] Und an anderer Stelle: „Ein Mensch ohne Einkommen ist wie ein Mann ohne Namen oder wie ein Schatten ohne Körper. Man kommt sich vor wie ein Gespenst.“ [45]

So geistert das Gespenst Tunda durch die großen Städte, auf der Suche nach „Substanz“ und einer verlorengegangenen Totalen. „Er hatte keinen Beruf, keine Liebe, keine Lust, keine Hoffnung, keinen Ehrgeiz und nicht einmal Egoismus“ [46], dafür jedoch, ließe sich hinzufügen, einen Sack voller Ressentiments, die sich vorzugsweise richten gegen das Medienprodukt der „Neuen Frau“: Tundas „sachliche“ Larmoyanz, seine nur mühsam kontrollierten Kastrationsphobien, nähren sich nämlich von unverhohlenem Antifeminismus. Die Angst vor der als überlegen imaginierten „Maschinenfrau“ und der „Errichtung der Weiberherrschaft durch die Kastration der Männer“ [47] bildet das psychologische Futteral der diskursiven Effeminierung.


Auf dem männlichen Boden der Tatsachen

Etwa zeitgleich mit dem Boom der Weimarer Jugendkultur, der wissenschaftlichen Herstellung von „Jugend“ einerseits und der Inflation der Kriegsliteratur andererseits, schallt paradoxerweise der Ruf nach einer neuen Männlichkeit durch die Republik. Nachdem die sogenannte „Frontgeneration“ das Stahlbad des Krieges absolviert hat und nun befürchtet, im Weichspüler des Weimarer Parlamentarismus ihre mühsam erworbene Form zu verlieren, scheinen die Literatur und die Künste prädestiniert, diesem allgemeinen Formverfall durch eine Konturierung des „Männlichen“ zu begegnen.

Vor dem Hintergrund psychologischer und kultureller Entwicklungstheorien – etwa Karl Bühlers oder Eduard Sprangers – werden nun ästhetische Modelle entworfen, die die organische, allerdings sehr krisenhafte Entwicklung vom „Jüngling“ (Expressionismus) zum „Mann“ (Neue Sachlichkeit, neuer Realismus) in Aussicht stellen. Mit dem kritischen Übergang von der Jugend zur „Mannheit“ erklärte schon der Theologe Paul Tillich die problematisch gewordene religiöse Lage der Gegenwart. [48] Und daß auf „Pubertätsepochen“ eine „Zeit gefestigter Männlichkeitskultur“ folge, befindet auch Franz Roh in seinem richtungsweisenden Werk über die Kunst des Nachexpressionismus. Jedenfalls ist der Krisenbegriff ein konstitutiver Bestandteil des neusachlichen Männlichkeitsdiskurses [49], und er impliziert nicht nur die theatralischen Momente dieser Inzenierung, sondern verweist auch auf die dabei entfalteten Reinigungskräfte.

In den Niederungen der Kunst- und Literaturrezeption wird dieses Modell bereitwillig aufgenommen und in das für das Zeitalter typische Männlichkeitspathos umgegossen. Den alten Heroismus dieser neuen Männer feiert beispielsweise die Zeitschrift Orplid anläßlich der Uraufführung des Avantgarde-Stücks Ostpolzug von Arnolt Bronnen:

Ihr Jetzt aber ist durchschüttert von der Gärung der Reifezeit, in ihnen bricht eine Generation auf, um offenäugiges, hellhöriges, festes, sicheres Mannestum antreten zu können. [...] Hier steigt aus dem Jüngling der Mann. [50]

Schon 1926 hatte Arnolt Bronnen selbst lautstark die Forderung nach „ruhige[n], ernste[n] und männliche[n] Stücken“ [51] verkündet, die in den folgenden Jahren von vielen Vertretern der literarischen Avantgarde aufgenommen wurde. „Kinder“, bestärkt Bernhard Diebold die jungen Künstler im Scheinwerfer, „wir brauchen neue Weiber und neue Männer. [...] Kinder, schafft Männer!“ [52]

Auch Alfred Döblin beklagt als Juror für den belletristischen Nachwuchs in der Literarischen Welt 1927 den Stil der zeitgenössischen Prosa als nicht adäquat für diese „männlichtatkräftige Zeit“ [53] und prophezeit, daß die Zukunft „auf den Schultern der Männer, nicht der Jünglinge“ liegen werde. In seinem 1924 entstandenen Essay Der Geist des naturalistischen Zeitalters hatte Döblin den „langsamen Prozeß der Umseelung“ [54] durch die Technik, „Blut dieser Epoche“, bereits theoretisch untermauert und den bislang herrschenden „passiven und rezeptiven Gefühlen“ „männlich aktive“ als dominant gegenübergestellt.

Es kann kaum die Phalanx derer abgeschritten werden, die dem neu auferstehenden männlichen Zeitalter zu seinem Siegeszug verhelfen wollen. Es soll jedoch zumindest auf einen Zusammenhang hingewiesen werden, der für das Verständnis der Neuen Sachlichkeit – und unter dieser unverdächtigen Firma tritt das neue Mannestum nun in Erscheinung – unerläßlich ist und auf den ein Teil der theoretischen Dokumente selbst rekurriert. Abgesehen von der sozialpsychologischen „Kompensationsfunktion“, die die Neue Sachlichkeit ihrer Klientel zur Verfügung stellte, ging es dieser etwa seit 1925 blühenden Kunst- und Literaturströmung um die Erfassung der neuen Wirklichkeit, die, wie der frühere Expressionist Johannes R. Becher behauptete, ihre Sprache noch nicht gefunden habe. [55]

Die in der Folgezeit einsetzende heftige Auseinandersetzung um ein adäquates künstlerisches Realitätsverständnis – im zeitgenössischen Jargon die Kontroverse zwischen „Reportage“ und „Gestaltung“, für die auf marxistischer Seite Georg Lukács, auf liberaler unter anderen JosephRoth die Feder führte – zentriert sich um die Begriffe ‘Wirklichkeit’ und ‘Totalität’ und um die Frage, wie sie im Kunstwerk eingefangen und verarbeitet werden können. Bechers Feststellung, daß „die Wirklichkeit, das Objekt selbst, seine Sprache noch nicht gefunden“ habe, fand einmütige Bestätigung. Auseinander gingen jedoch die Meinungen darüber, was das Objekt der Wirklichkeit, dessen „Totale“ es zu erfassen gelte, eigentlich sei. Die „Totalität der technischen Welt“, meinte beispielsweise Ernst Reger, verlange nach einer neuen literarischen Totalität, die erst geschaffen werden müsse. [56] Auch Franz Kollmann, der 1928 einen Band mit dem bezeichnenden Titel Schönheit der Technik präsentierte, plädierte für die ästhetische „Beseelung“ der „technischen Schöpfungen“ [57], durch die sich die Zivilisation „veredeln, kultivieren“ [58] lasse. Und Karl Holl, Philosophieprofessor an der Technischen Hochschule Karlsruhe, erkannte in der renommierten Vierteljahresschrift für Literatur und Geistesgeschichte schon 1926 die Bedeutung des neusachlichen Stilwillens in seiner Verarbeitung der vorangegangenen erkenntnistheoretischen Krise, nämlich „daß die Welt, deren Bild uns immer mehr atomistisch zu zerfallen drohte, in ihrer geistigen Ganzheit und Einheit zu Bewußtsein gebracht wird.“ [59]

Bemerkenswert an dieser Debatte – deren Bedeutung für die Ästhetik der zwanziger und dreißiger Jahre an dieser Stelle nur behauptet werden kann – ist für den hier vorgestellten Zusammenhang die Bemühung um eine „Totale“, die wahlweise in einer Metaphysik der Technik oder des Sozialen mündet und auf dem schwankenden „Boden der Tatsachen“ situiert ist. Wenn auch Kritiker, allen voran Siegfried Kracauer, der Neuen Sachlichkeit immer wieder ihre Tendenz zur „Verhüllung“ oder wie Ernst Bloch ihre „Fassadenhaftigkeit“ vorhielten, die den Hohlraum nur übertünche, so blieb dieser ideologiekritisch gestimmte Vorwurf doch blind gegenüber der entlastenden Funktion, die der Sachlichkeitsdiskurs als Paradigma neuer Männlichkeit bereithielt.

Typisch für den eigenen „Verblendungszusammenhang“ ist etwa die publizistische Entgegnung Béla Balázs’ auf Kurt Pinthus’ berühmten Beitrag, in dem die neusachliche Literatur erstmals explizit und titelgebend als männliche Literatur vorgestellt wurde. [60] Balázs bezweifelt in seiner Gegenrede nicht etwa generell die Notwendigkeit einer „männlichen Literatur“ überhaupt, nur hält er die neusachlichen Autoren und deren „Impotenz mit Haltung“ [61] für untauglich, diese Aufgabe, die er lieber an „potentere“ sozialistische Vertreter delegiert gesehen hätte [62], zu erfüllen.

Immerhin verdanken wir Kurt Pinthus detaillierten Aufschluß über den Eigenschaftskanon neusachlich-männlicher Ästhetik: Neue Sach-lichkeit, so klärt er uns auf, stehe als Gegensatz und Gegenwort zur „feminisierten Weichlichkeit“ des Expressionismus, „in welcher [...] der schreiende, fordernde, revolutionierende Jüngling die Hauptperson war.“ [63] Mittlerweile sei „die Wut dieses Jünglingstypus verlodert [...], und aus der Asche des Hingesunkenen steigt triumphal empor: Der Mann.“ Der Stil der neuen Literatur präsentiere sich nun „unpathetisch, unsentimental, schmucklos, knapp“, die Sprache sei „ohne lyrisches Fett, ohne gedankliche Schwerblütigkeit, hart, zäh, trainiert, dem Körper des Boxers vergleichbar.“ Dem „beglückenden, aber gefühlsverwirrenden Zauberreich der Liebe“ stehe nun das „klare, zuverlässige ‘Männerreich’ gegenüber.“ [64] Dieses virile Ertüchtigungsprogramm findet mannigfache Unterstützung und wird um die Eigenschaften „elastisch“, „kernig“, „ungefühlig“, „streng“, „ernst“, „klar“, „wortkarg“, „straff“ usw. ergänzt.

Vordergründig läßt sich das neusachliche Stilrepertoire mit seiner „gepflegten betonten Herzenskälte“ als dem soldatischen Tugendkanon entlehnt interpretieren, wenn Propagandisten wie Franz Matzke auch auf der „nichtmilitaristischen“ Lesart solcher Sachlichkeit bestehen. [65] Gleichzeitig wirken die geforderten Schreibhaltungen bemerkenswert unspezifisch, wenn man bedenkt, daß damit Literatur angeleitet werden soll. Im Unterschied zur heroischen Tradition der Kriegsliteratur steht dieses zivile Soldatentum nun auch der weiblichen Spezies offen: Denn „auch Bücher von Frauen dieser Generation wirken männlich“, räumt Pinthus im genannten Essay großzügig ein. Ob es sich bei dieser Kooptierung – es fallen immer wieder die Namen Anna Seghers, Marieluise Fleißer, Mechthilde Lichnowsky oder Vicky Baum – um ein Indiz für eine generelle Geschlechterangleichung handelt, die eine „männliche“ oder „weibliche“ Literatur gar nicht mehr zu unterscheiden erlaubt, wie Gina Kaus in ihrer Replik auf Pinthus vermutete [66], oder um eine einseitige weibliche Anpassungsleistung an die männliche Norm, wie in der feministischen Literaturwissenschaft gelegentlich behauptet [67], kann hier nur als Frage formuliert werden. Festzuhalten ist dagegen, daß dieser Einschluß von weiblichen Autorinnen in das „männliche“ Literaturprogramm gleichzeitig eine scheinbar „sachliche“ Demarkationslinie setzt gegenüber allem, was als „nicht männliche“ Produktion definiert wird. „Unmännlicher“ Literatur machen sich, wie das folgende Zitat zeigt, nämlich nicht nur Frauen verdächtig: „Kämpfende Männer wollen wir sehen und keine schwatzhaften Jünglinge, die in den Liegestühlen der Sanatorien herumfaulenzen und ihre Seele analysieren.“ [68]

Zu den Treppenwitzen der Literaturgeschichte gehört es, daß eben diese sich forciert „hart“ und „kalt“ gerierende Literatur vielfach ausgesprochen sentimental und larmoyant in Erscheinung trat. Romane wie Kästners Fabian und Dramen wie Bronnens Anarchie in Sillian hinterlassen zumindest den Eindruck, daß es bei der Aufwertung des Männlichen im neusachlichen Diskurs zu Programmstörungen gekommen sein muß, die möglicherweise, darauf hat Helmut Lethen hingewiesen, auf Überforderungen des Personals zurückgehen. Die Strapaze der Figuren und ihrer Schöpfer besteht jedoch nicht nur in der beständig notwendigen Abspaltungsleistung und der „Vergessenskultur“, die diesem Männertypus abverlangt wird. Das Versprechen, daß die „neutrale“ sachliche Kostümierung einen vom Geschlecht des Vaters befreien könnte, weil, wie Graf Keyserling formulierte, „fortan [...] jeder selbst sein Erlöser sein [muß]“ [69], weicht der Einsicht, daß damit das „sachliche“ Gesetz des Vaters keineswegs erledigt ist. Es setzt sich durch in den Söhnen selbst und ihrem Streben nach reinlicher Scheidung. Denn der neusachliche Furor der „Männlichkeit“ galt weniger seiner „Substanz“ im Sinne eines lebbaren geschlechtlichen Identitätsmodells als vielmehr seiner Funktion als Abgrenzungsmerkmal. Das möchte ich abschließend skizzieren.

„Sachliche Männlichkeit“ als Leitdifferenz

„Sachlichkeit“, so leitet der schon erwähnte Frank Matzke sein Bekenntnis der Jugend ein, „ist ein Merkmal unserer Form, nicht unserer Inhalte.“ [70] Die Form als ordnungsstiftendes Prinzip bestimmte auch den ästhetischen Diskurs der neusachlichen Dekade, und für den hier verhandelten Zusammenhang läßt sich behaupten, daß das Sachlichkeits-Paradigma offenbar ein Ordnungsmodell zur Verfügung stellte, durch das „Männlichkeit“ als Leitdifferenz und Unterscheidungsmerkmal wieder in den Diskurs eingeführt werden konnte. Die Gleichsetzung von „neutraler“ Sachlichkeit und „Männlichkeit“ entkoppelte das, was bislang als „männlich“ galt, von seiner Substanz, und zwar in doppelter Hinsicht: Zum einen löst sich, wie oben vorgeführt, der Status „Männlichkeit“ von seinen biologischen Trägern, ohne seine Funktion als Distinktionsmerkmal, als Code, einzubüßen. Zum anderen fungiert „Sachlichkeit“ als symbolische Regulierungsinstanz: Im Angesicht der „Sachzwänge“ verblassen, so will es scheinen, „männliche“ Interessen. [71]

Franz Roh, Verfasser des schon erwähnten bedeutendsten zeitgenössischen Buches zur Neuen Sachlichkeit in der Bildenden Kunst, hat den Gestus des Abgrenzenden und der Unterscheidung als konstitutives Kennzeichen dieser Strömung erkannt. Der neue Raum wirke „konstruiert, leblos, erkältend“ [72], und das Atelier gleiche eher einem Operationszimmer, in dem Pinsel, Tuben und Farben aus einem staubfreien Medizinschränkchen genommen werden. [73] Die antiseptische, gereinigte Atmosphäre kommt auch in der Malerei selbst zum Tragen: „Magischer Einblick in ein künstlich hergestelltes Stück Wirklichkeit“ [74], mit scharfen Konturen, reinlich getrennten Sphären, die sich gegenseitig ins Extrem treiben. [75] Gegenüber dem Fragmentarischen, nur in Fetzen sich formenden Leben des Expressionismus hebe sich, so Roh, die neusachliche Malerei durch den Eindruck des „absolut Fertigen, Kompletten“ ab. Immer wieder kontrastiert Roh expressionistische Dynamik gegenüber neusachlicher Statik, die „die Existenz“ betone „aus der Leere heraus“. Und weiter: „Hier ist vielleicht die letzte Grenze, das absolute Nichts, der absolute Tod im Hintergrunde, aus dem das Etwas so energisch und betont herausgewölbt wird.“ [76] Keine Frage, daß auch Roh in diesem neuen „gefaßten, gefestigten Stil“, der das „Chaos“ bändigen und in „Form“, in „neue Ordnungen“ bringen soll, wiederholt einen „männlichen Erkenntniswillen“ entdeckt [77] und eine Zeit „gefestigter Männlichkeit“ prophezeit [78], in der das „Streben nach Reinigung“ [79] zur zweiten Natur wird.

Die Angst vor dem „Chaos“ bewegt auch einen zweiten Theoretiker der Neuen Sachlichkeit, den 1893 geborenen und in Rostock lehrenden Kultur- und Kunstphilosophen Ernst Utitz. Hatte er in seiner 1921 erschienen Kultur der Gegenwart noch eine Lanze für den Expressionismus gebrochen und dem „nüchternen, gefrorenen, isolierten“ Naturalismus abgedankt [80], so diagnostiziert auch er in seinem 1927 vorgelegten programmatischen Band Die Überwindung des Expressionismus in der Neuen Sachlichkeit eine „kraftvoll sich regende Männlichkeit“ [81], deren „dornenvoller Weg“ nur „in Strenge und Disziplin, Zucht und Ordnung“ [82] zur Höhe führe. Ohne den aufschlußreichen Faden dieser männlichen Charakterologie weiter aufzurollen, sei festgestellt, daß auch Utitz die neusachliche Ästhetik stillgestellt und domestiziert sehen möchte. „Wird die Wirklichkeit zerstäubt in atomistische Punkte, erhebt sich eine andere, die den Zerfall bändigt, die strenge Komposition, welche die zerstiebende Welt aufbaut, die kontstruierte Welt.“ [83] „Der [...] Weg führt durch das Gesetz“, resümiert er, und in der abgeräumten Wirklichkeit, „im luftleeren Raume [kann] der Ordnungsfanatismus seine klaren Linien ziehen“. [84] Utitz’ Sehnsucht nach einer „gestählten Männlichkeit“, die dem „unheimlichen Verfall“ [85] Grenzensetzt, ist überdeutlich:

Die Sehnsucht nach dem Grenzenlosen verleitet nur zum Verschwenden ungeheurer Gebärden, zum gestaltlosen Zerfließen; man spürt deutlich die Grenzen und sehnt sich nach der gehämmerten, festen Gestalt. [86]

‘Männliche’ Sachlichkeit als Bollwerk gegen die ‘zerfließende’ Form der Republik? ‘Sachlichkeit’ als Garant, als „Panzer“ männlicher Körpergrenzen, wie Theweleit vermutet? ‘Sachlichkeit’ als disziplinierende Ordnungsmacht im Kampf divergierender Interessenslagen? Das wären in der Tat Lesarten des neusachlichen Männlichkeitsentwurfs. Möglich wäre allerdings auch eine Rezeption, die die als „sachlich“ imaginierte Männlichkeit als Zeichen begreift, das unabhängig von seiner Substanz, also unabhängig vom jeweils unterlegten Eigenschaftenkatalog, als Kommunikationsmedium, als ein ‘Code’, funktioniert, der verallgemeinerte und vereinfachende Sinnorientierungen anbietet. [87] Die Funktion des Codes „Sachlichkeit/Männlichkeit“ wird plausibel, wenn man sich in Erinnerung ruft, was ‘Männlichkeit’ im ausgehenden 19. Jahrhundert bedeutete und daß sie in vieler Hinsicht diametral zum neusachlichen Männlichkeitsmodell steht. Es geht bei der neusachlichen Aufwertung von Männlichkeit nicht nur um die „Verschiebung“ von Verhaltenskategorien, sondern um die Positionsbestimmung selbst: Der aggressive Abgrenzungsimpetus, der die Rede über die ‘männliche’ Neue Sachlichkeit kennzeichnet, verweist auf diesen Verteidigungskampf im symbolischen Feld. Die Sehnsucht nach dem „sicheren Mann“; jedenfalls, die W. E. Süskind im August 1933 durch „die Welt und nicht am wenigsten durch die Welt der Künste“ [88] geistern sieht, gilt nicht nur der psychischsozialen Ausstattung, sondern der Sicherung der Mannesposition selbst, in der Absicht – wir erinnern uns an Kafka – „das Maß aller Dinge“ zu bleiben.

 

[1-5] Kafka (1919), 122, 123, 124, 133, 158

[6] Vgl. Kafka (1919), 148.

[7] Kafka (1919), 161.

[8] Vgl. Elias (1989), 119ff.

[9] Kafka (1919), 155.

[10] Fromm (1941), 187.

[11] Schmitt (1991), 26.

[12] Heinrich Mann (1922), 61.

[13] Horkheimer/Adorno (1944), 138.

[14] Keller (1919), 1.

[15] Vgl. Federn (1919).

[16] Michel (1926), 18.

[17] Diesel (1926), 99.

[18] Zuletzt in Lethen (1994).

[19] Hier vor allem im Werk Hans Blühers, dem etwa Heinrich Berl oder Rudolf Thiel folgten; vgl. hierzu auch Widdig (1993).

[20] Vgl. hierzu Mannheim, in der Forschung auch Trommler (1985).

[21] Vgl. Mitscherlich (1963), 56f.

[22] Mitscherlich (1963), 92.

[23] Huebner (1929).

[24] Huelsenbeck in Huebner (1929), 19.

[25] Musil in Huebner (1929), 100.

[26] Jahnn in Huebner (1929), 144.

[27] Klaus Mann (1927), 143.

[28] Kaus (1925), 383.

[29] Thiess (1925), 40.

[30] Jünger (1932), 111.

[31] Eggebrecht in Huebner (1929), 12.

[32] Jakob in Huebner (1929), 130.

[33] Huebner (1929), 30.

[34] Sloterdijk (1983), Bd. 2, 749.

[35] Schaeffer (1924), 219.

[36] Vierkandt (1931), 147ff.

[37] Meckauer (1927), 127.

[38-39] Susmann (1933), 104-124, 122.

[40] Vgl. Gründel (1932), 61.

[41] Gründel (1932), 61, Herv. im Orig.

[42-46] Roth (1927), 26, 51, 115, 91, 133.

[47] Hildebrandt (1927), 651; vgl. hierzu auch Baureithel (1999).

[48] Paul Tillich, zit. nach Utitz (1927), 4.

[49] Vgl. Lindner (1994).

[50] Bachmann (1926), 50.

[51] Bronnen (1926), 115.

[52] Diebold (1928) in: Scheinwerfer (Reprint, 1986), 14.

[53] Döblin (1927) in: Literarische Welt 11, 1.

[54] Döblin (1924), 173f.

[55] Vgl. Becher (1928), 491.

[56] Reger (1929), 7.

[57-58] Kollmann (1928), 157, 92.

[59] Holl (1926), 563.

[60] Pinthus (1929).

[61] Balázs (1929), 970.

[62] Balázs (1928), 918.

[63-64] Pinthus (1929), 903, 905.

[65] Matzke (1930), 96.

[66] Gina Kaus (1929), 1.

[67] Zusammenfassend Veth (1995), 462ff.

[68] Lüddecke (1931), 185.

[69] Keyserling (1926), 138.

[70] Matzke (1939), 41.

[71] Vgl. Steinmetz (1995).

[72-79] Roh (1925), 54, 96, 31, 82, 9, 65, 102.

[80-86] Utitz (1921) 6,181, 34, 36, 23, 41.

[87] Unter ‘Code’ sei in Anschluß an Luhmann eine binär organisierte Struktur verstanden, aufgrund der erstens Unterscheidungen, also Selektionsleistungen möglich sind, und durch die zweitens automatisch Hierarchien erzeugt werden.

[88] Süskind (1933), 482.

 

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2. Heinrich Hoerle: „Drei Invaliden“ (um 1930).
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3. William Roberts: „Die Straßenfahrer“ (1930/32).
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4. Revuegirls aus: Sigfried Kracauer (1930): Das Ornament der Masse.
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5. Fräulein Riess mit den deutschen Boxern Herse und Schmeling sowie dem Römer Fiermonte aus: Querschnitt 1927.