Editorial

Barbara Naumann

Die Welt sorgt dafür, daß man nicht zu sich gelange.“ Diese besonders heute zutreffende Beobachtung stammt bereits aus dem Jahr 1924, aus der Feder Siegfried Kracauers. In seinem Essay Langeweile, einem Abschnitt des bahnbrechenden Werks Das Ornament der Masse[1] führt Kracauer aus, dass es der Langeweile bedürfe, um zur reflektierenden Selbstbetrachtung zu kommen. Aufgrund der Arbeitsbedingungen der Massengesellschaft sieht Kracauer die Segnungen der Langeweile bedroht; gefährdet sieht er sie zudem durch die Zerstreuungsmedien des unterhaltungsindustriellen Komplexes, durch Kino, Musikrevuen, Kabarett etc. ‚Langeweile‘ erscheint Kracauer als positiver Gegenbegriff zur Zerstreuung, und diese wiederum als Antidot zur nervösen Unruhe der den ganzen Tag über beschäftigten und belasteten Angestellten. Zerstreuung versteht er als einen Effekt des Kinos, der Tiller Girls-Revuen (Abb.1) und anderer ornamentalen Formen der Unterhaltung. Die großen Kulturkritiker zu Beginn des 20. Jahrhunderts, neben Kracauer insbesondere Georg Simmel und Walter Benjamin, stimmten darin überein, dass die Zerstreuung eine ideologisch zu bewertende Ablenkung vom kritischen Denken sei.[2] Emilie Altenloh, die eine bemerkenswerte und bemerkenswert frühe Soziologie des Kinos verfasst hat, schrieb dazu schon 1914, dass


beide, der [sic] Kino und seine Besucher, typische Produkte unserer Zeit sind, die sich durch ein fortwährendes Beschäftigtsein und eine nervöse Unruhe auszeichnen. Der tagsüber im Beruf angespannte Mensch befreit sich von dieser Hast selbst dann nicht, wenn er sich erholen will. Im Vorbeigehen sucht er im Kino für kurze Zeit Zerstreuung und Ablenkung und denkt dabei schon halb an das, womit er die nächsten Stunden ausfülle. Um in ein Kunstwerk, sei es ein Drama, sei es ein Musikstück oder ein Bild, einzudringen, gehört eine gewisse Muße und Willensanspannung. Diese Konzentration verlangt der [sic] Kino nicht.[3]

Die heutigen Bedingungen des Multitasking, der Dauerkommunikation – während ich dieses Editorial schreibe, sehe ich laufend die Maileingänge im eingeblendeten Fenster rechts oben auf dem Bildschirm; gerade meldet sich akustisch auch noch ein SMS an, was auf einen beinahe schon veralteten, gleichwohl zerstreuenden Kommunikationsmodus schließen lässt –, legen hingegen noch andere Überlegungen nahe. Der Begriff ‚Zerstreuung‘ weist auf etwas Kleinteiliges, auf Verteilung und Diffusion und Verundeutlichung, und deshalb hat er unter heutigen Arbeitsbedingungen seinen Gegenbegriff nicht mehr in der Arbeit, und wohl auch nicht in der Langeweile. Heute ist die Zerstreuung Teil und Modus der Arbeit selbst, die sich deshalb als fortwährender Konflikt zwischen Ablenkungslust, Kommunikationszwang und Konzentrationswunsch gestaltet. Neurotisierend und erschöpfend wirkt dieser Cocktail – gerade blendet mein Mailfenster eine Nachricht der Redaktion ein: Das Editorial ist überfällig und hätte spätestens gestern abgeschickt werden sollen; ich versuche die Aufforderung zur sofortigen Abgabe zu ignorieren und wenigstens den Gedanken zu Ende zu führen – also: neurotisierend und erschöpfend wirkt dieser Cocktail. Er führt zu einem Zustand der permanenten Zerstreuung, die teils sogar gewünscht, da ablenkend, und noch mehr gefürchtet ist, da aus jedem Kommunikationsvorgang wieder neue Ansprüche und Aufgaben, neue Arbeit erwachsen. Nicht in der Langeweile, sondern in Konzepten wie ‚Sammlung‘ und ‚Konzentration‘ ist daher heute ein Gegenmodell zur Zerstreuung zu finden. Der Zustand der Zerstreuung gehört im Zeitalter der elektronischen Kommunikation zur Grundmelodie des Alltags, auf die man sich wohl oder übel einstimmen muss, wenn man in der Fülle der notwendigen Kommunikationsvorgänge nicht untergehen will.

Besonders anschaulich führt das Wort ‚Sammlung‘ vor Augen, dass das denkende Selbst von einem vorgängigen, ver- oder zerteilten Zustand ausgehen muss, dass etwas Verteiltes, Verstreutes in einen Zusammenhang gebracht werden will, wenn ein Denkvorgang oder wenn ein Gefühl einsetzt. Wenn man im dunklen Kinoraum in voller Konzentration einem Film folgt, wenn man im Konzert vollkommen absorbiert einer Sinfonie lauscht, wenn man so in ein Buch versunken ist, dass man Zeit und Umgebung vergisst, dann mögen dies vielleicht Momente der Ablenkung von Zwängen und Sorgen sein. Doch gestalten sich diese Momente zugleich als Momente der Versammlung, da Fühlen und Denken auf eine meditative oder zumindest hoch konzentrierte Weise auf einen Gegenstand bezogen werden und in diesem Sinne eben nicht zerstreut sind.

Paul North, dem Gasteditor dieses Bandes, verdanken wir eine stärkere Akzentuierung  der philosophischen Frage nach der Zerstreuung. Sie nimmt ihren Ausgangspunkt bei Aristoteles und bei dem Gedanken, dass die Komplikationen der Zerstreuung stets mit dem Verhältnis des Einzelnen zum Mannigfaltigen zusammen hängen: „Each of these essays describes a mode of radical distributedness of the cognitive apparatus and at the same time of the world“. Die gedankliche Herausforderung der Zerstreuung liegt für Paul North wie für die Beitragenden dieses Heftes, in folgender Überlegung: Wenn die Vielheit so vielfältig wird, dass sie konzeptuell nicht zu fassen ist, verliert auch das zerstreute Einzelne als solches sämtliche Bezüge. – In Beiträgen zum philosophischen Pragmatismus, zur Architektur(-geschichte), zur Ästhetik und Alltagssoziologie umkreisen die Beiträge dieses Hefts, vielfältig und doch konzentriert um ein philosophisches Zentrum, die Frage der Zerstreuung. Für die fruchtbare Zusammenarbeit und die Eröffnung neuer Perspektiven auf ein klassisches Thema danken wir herzlich.

 

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Für eine lange und überaus erfreuliche Zusammenarbeit gebührt Marc Caduff großer Dank. Ihn führen seine beruflichen Wünsche nun in neue Richtungen. Stets brachte er ein ganzes Schock guter Ideen mit, und wir bewunderten und vermissen schon heute seine nie nachlassende Freundlichkeit gegenüber Menschen und Texten. – Stéphane Boutin ist unser neues Redaktionsmitglied; er sei aufs Herzlichste begrüßt! 

 

Zürich, im Oktober 2015 Barbara Naumann

 

Fussnoten

1 Siegfried Kracauer (1924): „Langeweile“. In: ders.: Das Ornament der Masse. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1977, 321-325, hier: 322.

2 Vgl. Walter Benjamin (1935): „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“. In: ders.: Gesammelte Schriften. Hg. v. Rolf Tiedemann u. Hermann Schweppenhäuser. Bd.I.2. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1980, 431-469; Georg Simmel (1903): „Die Großstädte und das Geistesleben“. In: Jahrbuch der Gehe-Stiftung Dresden 9: Die Großstadt. Vorträge und Aufsätze zur Städteausstellung, 185-206.

3 Emilie Altenloh (1914): Zur Soziologie des Kino. Jena: JBNA. Repr.: Frankfurt a.M.: Stroemfeld/Roter Stern, 1977, 46.

edito
Abb. 1: Die Tiller Girls in der Revue Wien lacht wieder (1926) von Fritz Grünbaum und Franz Farkas. Aus: Wiener Bilder, 10. 10. 1926. Foto: Atelier Willinger.