Editorial

Barbara Naumann

Wie sähe die Sprache und wie sähe das Leben aus, wenn Worte nicht als ephemere Laute verklängen, und wenn die geschriebenen oder gedruckten Sprachzeichen in ihrer Materialität (Farbe, Größe, Form) und ihrer Verteilung auf dem weißen Blatt – mit anderen Worten: als Bild – wahrgenommen würden? Und wie sähe die Welt aus, wenn man Objekte der Dingwelt als Worte auffasste? Einige Semiotiker unter den Architekten haben dies versucht und Gebäude als „Superzeichen“ beschrieben.[1] Aus dieser Perspektive drängt sich die Frage nach einer Sprache der Dinge, einer Rhetorik der Objekte auf. Wie sieht also eine Rhetorik der Häuser und Straßen, oder der Bäume und Blumen, der Kleider, des Brotes aus? Zu Wortdingen wie der traditionellen Blumensprache oder den menschlichen Ausdrucksgesten gibt es historische und gegenwärtige Erfahrung in Hülle und Fülle – und ebenso umfangreiche Forschungen. Und das Spiel mit den essbaren Buchstaben des Russisch Brots liebt fast jedes Kind und jeder Dichter (Abb. 1). – Unbeantwortet jedoch bleibt die Frage, ob Worte als physische Objekte die Wahrnehmung vielleicht viel stärker prägen, als man sich dies beim unwillkürlichen Gebrauch der Sprache vorstellen kann.

Sobald man über Schrift und Sprache nachdenkt, bildet die Materialität der Zeichen eine Herausforderung. Besonders ‚handgreiflich‘ geht dies bereits im Kindesalter zu, wenn man sich der Mühe ausgesetzt sieht, die das Erlernen des komplizierten Gebrauchs der Schreibinstrumente mit sich bringt. Das kuriose Eigenleben der kindlichen Schreibübungen macht unmittelbar einen Aspekt des geschriebenen Wortes sinnfällig, der auch für die gedruckte Schrift gilt: Die Materialität ihres schier unerschöpflichen Variantenreichtums, ihrer Figuralität, ihrer unterschiedlichen Sättigungsgrade. Sie lässt unmittelbar erkennen, dass die Schrift zugleich ein Bild sein kann und als solches (und nicht nur aufgrund ihrer Semantik) kognitive wie emotionale Aspekte transportiert. Die Figuralität der Worte ist beteiligt an der Sinnproduktion.

Dieser Umstand hat seit jeher die Künstler, vor allem bildende Künstler und Theaterleute, zum Spielen mit der Objekthaftigkeit der Worte gereizt. Wortdinge finden sich in der ganzen Geschichte der Schrift: Von den Körperalphabeten des Barock bis zu den Tieralphabeten alter und neuer Kinderbücher, von den gepflanzten oder gepflügten Monumentalworten der Land Art – in jüngster Zeit auch gern zu Werbezwecken eingesetzt –, über die Pop Art der 1970er Jahre (Abb. 2) – immer wird eines deutlich: Die phantasmatischen Wortdinge der großen Skulpturen gewinnen ihre semantische Energie vor allem daraus, dass sie die Schrift in ungewöhnliche Dimensionen und in heterogene, ver-rückte Kontexte versetzen. Betrachtet man sie, verschmilzt der Akt des Lesens mit dem Akt einer Bildbetrachtung. In umgekehrter Weise, aber mit ähnlichem Effekt verfährt die sogenannte konkrete Poesie, die in der figural aufgezeichneten Lyrik eine doppelte Semantik entfaltet: die der lyrischen Sprache mit ihrem Schriftbild, und die des Bildsinns mit der Buchstabenschrift.

In einem noch ganz anderen Sinne hat der experimentierfreudige Philosoph Friedrich Nietzsche dem Zusammenhang von Dinglichkeit und Sprache nachgespürt: Nietzsche, der sein Leben lang betonte, dass beim Schreiben und Denken nicht der Geist allein, sondern der Körper engagiert sei und seine Spuren im philosophischen und dichterischen Denken zeichne, maß den Schreibinstrumenten eine eminente Bedeutung zu. Er war einer der ersten Autoren, die mit einer Schreibmaschine experimentierten, mit der sogenannten Schreibkugel, von der er sich Erleichterung des Schreibaktes und Entlastung seiner Augen erhoffte. Im Nachlass Nietzsches – in den Fragmenten von Februar bis März 1882 – findet sich ein kleines Gedicht über die seltsame und komplizierte Buchstabenmaschine: 

Schreibkugel ist ein Ding gleich mir: von Eisen 
Und doch leicht zu verdrehn, zumal auf Reisen. 
Geduld und Takt muss reichlich man besitzen 
Und feine Fingerchen, uns zu benuetzen.[2]

Allerdings war diese Maschine schon bald defekt. In einem Brief vom 27. April 1883 an seine Schwester Elisabeth merkte Nietzsche an: „Was die Schreibmaschine betrifft, so hat sie ihren ,Knacks‘ weg: wie Alles, was charakterschwache Menschen eine Zeitlang in den Händen haben, seien dies nun Maschinen oder Probleme.“[3] Das kleine Gedicht stammt auch nicht von Nietzsche selbst, sondern, wie aus dem Brief hervorgeht, von einem Genueser Arzt, der versucht habe, die empfindliche Mechanik der Schreibkugel wie auch Nietzsches „Knacks“ zu reparieren und dabei unverhofft zum Lyriker wurde. – In jedem Fall sieht man in dieser komplizierten Kommunikation um die Schreibkugel, dass Nietzsche nichts dagegen hatte, sich im Bilde einer Wortmaschine zu reflektieren, sich zugleich als eisenhartes und höchst empfindliches Schreibding zu entwerfen. Dass Nietzsches Selbstauffassung als wortschöpfende Maschine Ausdruck eines nicht nur körperlichen, sondern auch seelischen Leidens war, macht das Nachdenken über die Wortdinge noch einmal komplizierter.

Jedenfalls sind dem Anreiz, mit Wortdingen zu spielen, leidende wie experimentierfreudige Künstler gefolgt: Bildhauer wie Bäcker, Lyriker wie Maler und Musiker. Ihren Erkundungen der Wortdinge spüren die Beiträge dieses Heftes nach.

Der herzliche Dank der Redaktion für die Edition dieses Heftes geht an Sandro Zanetti und Stefanie Heine, die beide am Seminar für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der Universität Zürich tätig sind. Das vorliegende Heft kommt somit aus dem Haus, an dem die figurationen angesiedelt sind. Wir freuen uns ganz besonders über diese Zusammenarbeit – in diesem Heft und darüber hinaus.

Zürich, im September 2013 Barbara Naumann

 

 

Fussnoten

1 Z.B. Christian Kühn (2008): Ringstraße ist überall. Texte über Architektur und Stadt 1992–2007. Wien/New York: Springer, 161.

2 Friedrich Nietzsche: Nachgelassene Fragmente. Frühjahr 1881 bis Sommer 1882. In: ders.: Werke. Kritische Gesamtausgabe. Hg.v. Giorgio Colli und Mazzino Montinari. Abt.5, Bd.2. Berlin/New York: de Gruyter, 1973, 571.

3 Friedrich Nietzsche: Briefe. Januar 1880 – Dezember 1884. In: ders.: Briefwechsel. Kritische Gesamtausgabe. Hg.v. Giorgio Colli und Mazzino Montinari. Abt.3, Bd.1. Berlin/New York: de Gruyter, 1981, 369. 

 

00EditorialAbb1
Abb. 1: Alphabet aus Russisch Brot.
00EditorialAbb2
Abb. 2: Robert Indiana: LOVE-Skulptur (1976) in Philadelphia.